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Vielfalt in der Form

Die Kirche des Anfangs brauchte nicht viele Worte, um die Auferstehung Jesu Christi zu bezeugen. Mit knappen Formeln brachten die ersten Christen die Ostererfahrung zur Sprache: daß die Jünger den Gekreuzigten als Lebenden erfahren haben und daß die Welt deshalb nicht mehr die gleiche ist wie zuvor. Vielfach klingen im Neuen Testament die frühen "Kurzformeln" des Osterglaubens nach: "Jesus ist (den Jüngern) erschienen" (1Kor 15,5-8; Lk 24,34): "Gott, der Jesus von den Toten auferweckt hat ..." (1Thess 1,9f; Röm 8,11); "Jesus ist auferstanden" (Thess 4,14; 1Kor 15,3-8); "Gott hat ihn erhöht" (Phil 2,9; Apg 2,33). Es sind knappe Texte: Sie erzählen nicht, was im einzelnen an Ostern geschehen ist; sie bekennen sich vielmehr dazu, daß mit der Auferstehung Jesu Christi für diese Welt eine neue Zeit begonnen hat.

Ostergeschichten, wie wir sie aus den Evangelien kennen - also Texte, die Ostern erzählen - kommen erst später auf. Sie wollen den Christen der späteren Zeit erzählend an der Begegnung mit dem Auferstandenen Anteil geben. Das, was man zuvor als Bekenntnis ausgesprochen hat, wird nun in Geschichten gefaßt - Ostern wird erzählt: die Kundgabe der Osterbotschaft am Grab, die Begegnung des Auferstandenen mit den Frauen, die Erscheinung vor den Jüngern, die Himmelfahrt, die Sendung des Geistes.

Vergleicht man die Ostergeschichten der Evangelien miteinander, so zeigt sich, daß jeder Evangelist anders von Ostern erzählt: Markus kennt nur die Geschichte von den Frauen am Grab (Mk 16,1-8). Matthäus hat diese Texte stark verändert und Erscheinungsgeschichten hinzugefügt (Mt 28,8-20). Lukas hat einen anderen Erzählkranz aufgenommen: Er verweist auf die Emmausjünger, die Erscheinung vor den Jüngern, die Himmelfahrt (Lk 24,13-53) und die Geistsendung (Apg 2,1-13). Johannes schließlich erzählt die Ostergeschichten auf ganz eigene Weise.

Die Vielfalt der Ostergeschichten mag auf den ersten Blick verwirren. Sie zeigt aber bei näherem Hinsehen, daß das Osterbekenntnis für die frühchristlichen Gemeinden keine "tote Erinnerung", sondern eine "lebendige Tradition" war. Es ging niemals nur darum, festzustellen, daß Christus seinen Jüngern tatsächlich als Lebender begegnet ist. Es ging immer auch darum, daß Menschen diese Wirklichkeit ergreifen und neue Wege des Lebens finden. So wurde Ostern immer neu erzählt, um immer wieder neu seine Bedeutung zu erschließen: Aktuelle Akzente wurden gesetzt, Verbindungslinien zu den Verheißungen der Väter verdeutlicht, Fragen der Gemeinden aufgegriffen.

Wir sollten deshalb die Ostergeschichten als theologische Texte begreifen, die uns Ostern erschließen wollen. Ohne Zweifel greifen sie auf alte Traditionen und Bekenntnisse zurück. Ebenso deutlich ist aber auch, daß sie diese Vorgaben erzählerisch bearbeiten und auf ihre Gemeinden hin zuspitzen. Wir sollten deshalb nicht nur danach fragen, ob alles auch so geschehen ist oder nicht. Wir sollten vielmehr die besonderen Akzente der Geschichte aufnehmen: Wie erzählen sie Ostern? Welche Fragen der Gemeinden nehmen sie auf? Was hörte der damalige Leser als Trost und Ermutigung in diesen Geschichten?

Diese Art die Ostertexte zu lesen, wird manchem ungewöhnlich erscheinen - sie wird ihn vielleicht sogar verunsichern. Aber wir können dabei auch eine vielleicht neue Erfahrung machen: Diese Art, die Ostertexte zu lesen, wird diese mehr zu unseren eigenen Ostergeschichten machen.

Prof. Claus-Peter März, Theologische Fakultät Erfurt