Salzloses Salz

Christen bezeichnen sich gern als "Salz der Erde" und "Licht der Welt". Schließlich klingt in diesen Bezeichnungen ein faszinierender Auftrag an: Die Jünger Jesu sollen den "Geschmack dieser Welt" verändern und in den Dunkelheiten der Zeit Orientierung bieten. Wir überlesen dabei freilich bisweilen, daß das Wort vom Salz auch einen unmißverständlichen Anspruch geltend macht. Er läßt sich besonders aus dem Zusammenhang - in dem der Spruch bei Lukas steht - aufnehmen: Da ist vom Kreuz die Rede und von der Jüngerschaft, die nicht leichtfertig angetreten werden darf und auch von der wahren Nachfolge, die alles andere als gering ansieht (Lk 14, 25-35). Was wollte Jesus mit dem Hinweis auf das Salz - das gut ist, aber bisweilen nicht zu salzen vermag - bei seinen Jüngern ansprechen?

In Palästina verwendete man zur Zeit Jesu zumeist jenes Salz, das am Toten Meer gewonnen wurde. Es war nicht billig, denn es mußte in einem komplizierten Verfahren präpariert werden. Es war auch nicht so gut, wie unser heutiges Speisesalz, und konnte, wenn es verunreinigt war, leicht seine Wirkkraft verlieren. Das Wort vom Salz, das nicht mehr salzen kann, spricht also bei den Zuhörern durchaus vertraute Erfahrungen an. Sie wissen um die Kraft des Salzes, von dem es nur einer kleinen Menge bedarf, um einem großen Essen Geschmack zu verleihen. Sie wissen aber auch, daß man mit diesem "Schatz" sorgsam umgehen muß: Salz kann unbrauchbar werden, und dann ist es schwer zu entsorgen.

Jesu spricht vom Salz, weil die Jünger angesichts von Mißerfolgen und Ablehnung mutlos werden. Für ihn steht das Salz, das auch bei geringer Dosierung so viel bewirken kann, für die "kleine Herde" der Jünger, die trotz ihrer geringen Möglichkeiten nicht auf verlorenem Posten steht. Sie kann - auch wenn sie Minderheit bleibt - den "Geschmack" des Ganzen verändern. Sie ist nicht bedeutungslos, sondern kann - wenn sie es nur will - "Würze" für die Welt sein.

Folgt man dem Spruch Jesus, dann gibt es nur eines, was den Jüngern ihre Bedeutung für die Welt nehmen kann: Die Unwilligkeit, wirklich Jünger sein zu wollen. In einer Zeit, da die Christenheit in unseren Regionen immer mehr zur Minderheit geworden ist, gilt es diesen Spruch Jesu neu zu bedenken. Über alle finanziellen Strukturen wäre immer neu zu fragen, wodurch wir den "Geschmack" der Welt verändern können. Dabei gilt auch heute, daß nur eines unseren Aufrtag gefährden kann: Die Unwilligkeit, wirklich Jünger Jesu sein zu wollen.

Prof. Claus-Peter März, Theologische Fakultät Erfurt

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